Keine technischen Lösungen für soziale Probleme
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Keine technischen Lösungen für soziale Probleme

27.09.2019:

Techniknerds sind allgemein von ihrem jeweiligen Fachgebiet wie Programmieren oder Maschinenbau hellauf begeistert. Da ist es verständlich, dass jedes Problem eine Lösung aus genau diesem Bereich zu fordern scheint. So wird ein Ingenieur schnell versuchen, für jede Situation eine nützliche Maschine zu konstruieren. Und Programmierer warten mit Software - heutzutage oft "App" genannt - für jede Problemstellung auf. So auch die Programmierin Kelsey Bressler aus Seattle. Wie golem.de unter https://www.golem.de/news/dick-pics-penis-oder-kein-penis-1909-143787.html berichtet, entwickelt sie zur Zeit einen softwarebasierten Filter für Bilder von Penissen. So soll es Frauen erspart bleiben, in sogenannten "sozialen Medien" und ähnlichen Kontexten ungefragt "dick pics" von Männern zu erhalten.

Frau Bresslers Diagnose, dass viele Frauen sich von dem Phänomen der "dick pics" belästigt oder gar genötigt fühlen, ist vermutlich ebenso richtig, wie ihr Projekt organisatorisch ambitioniert und technisch faszinierend ist. Grundsätzlich hat diese technische Herangehensweise an sozial-kulturelle Probleme jedoch einen Haken: Fehlverhalten wird nicht direkt thematisiert und behandelt, sondern es wird nur unsichtbar gemacht. Die Versender unerwünschter Intimfotos werden nicht konfrontiert, nicht zur Verantwortung gezogen und erhalten auch keine Gelegenheit, ihren Fehler zu verstehen und anderes Verhalten zu lernen.

Wir Nerds müssen einsehen, dass wir mit unseren technischen Skills zwar vorzügliche Werkzeuge und Spielzeuge schaffen, hinter allen sozialen Interaktionen aber der Mensch als hochdynamische und sehr schwer berechenbare Blackbox steht. Wer den Output dieser Blackbox verändern will, kommt allein mit Logik nicht zum Ziel, sondern braucht auch Psychologie, Geduld, Empathie, klare Worte und Ambiguitätstoleranz.

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