Das Unmessbare messen
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Das Unmessbare messen

10.06.2020:

Als Nerds wollen wir es genau wissen. Das Problem ist nur, dass in vielen Bereichen des Lebens Genauigkeit schwer zu schaffen ist. Kultur, Politik und überhaupt alles Zwischenmenschliche lässt sich schlecht quantifizieren oder objektiv bewerten. Trotzdem müssen wir Nerds dranbleiben und versuchen. genau für den nebulösen und gleichzeitig größten Teil der Realität Analyse- und Bewertungsstandards zu finden. Sich vom Zwischenmenschlichen ins MINT-Reich zurückzuziehen mag die klassische Lösung vieler Nerds sein, genügt aber dem Anspruch von Nerdhalla nicht.

Der deutsche Computerspielpreis ist ein gutes - auch weil nerdiges - Beispiel für genau diese Problematik und den Versuch, mit ihr umzugehe und den Versuch, mit ihr umzugehen. Auf der Website deutscher-computerspielpreis.de kann man sich über die Kriterien informieren, nach denen der Preisvergeben wird. Vorbildlich nachvollziehbar wird aufgelistet, was von den nominierten Titeln erwartet wird. In mindestens einer von vier Kriterienklassen muss das Spiel mit "einer auszeichnungswürdigen Qualität" glänzen. Was genau unter auszeichnungswürdiger Qualität verstanden wird, versuchen die Verantwortlichen durch fünf Kriterien pro Klasse klarzustellen. Teilweise gelingt ihnen das gut, zum Beispiel mit der Anforderung "erlaubt regelmäßiges und häufiges Speichern des Spielfortschrittes". Jedoch sind nur etwa fünf von zwanzig Anforderungen so objektiv. Die deutliche Mehrheit erfordert immer noch viel subjektive Interpretation, wie beispielsweise der Punkt "Der nominierte Titel lässt Förderpotentiale erkennen, etwa durch die Erprobung neuer Rollenmuster, Propagierung von Deeskalation, Wecken von Neugier und Interesse etc."

Die Damen und Herren vom Computerspielepreis wollten sich vermutlich in ihren Entscheidungen nicht zu sehr einengen - ein Risiko, dass mit messbaren Kriterien einhergeht. Trotzdem ist es aus Nerdsichtfast immer eine lohnende Anstrengung, für jede Bewertung quantifizierbare Indikatoren zu finden - selbst wenn es um Dinge geht, die nach Überzeugung vieler Menschen nicht messbar sind. Wenn Entscheidungen und Bewertungen nicht "gefühlt", sondern mit Tatsachen unterlegt werden, ist weniger Raum für unproduktiven, verletzenden Streit und schmerzhafte Willkür.

Was ist beispielweise eine gute Ehe? Kriterien könnten sein: Möglichst viele das Zusammenleben betreffende Entscheidungen werden im Konsens getroffen. Man brüllt sich nicht gegenseitig an. Man teilt sich die Haushaltsarbeiten gleichmäßig. Allein das Aussprechen und Vereinbaren solcher Kriterien hätte Potential, so manche Ehe zu retten.

Was ist ein guter Kriminalroman? Er enthält alle nötigen Hinweise, damit die aufmerksame Leserin den Fall selbst lösen kann. Alle Handlungsteile sind miteinander zu einer Gesamthandlung verbunden, in der nichts isoliert steht.

Was ist gute Politik? Gute Politik verletzt nicht vorsätzlich oder fahrlässig die Menschenrechte - und was fahrlässig ist, entscheiden Gerichte. Die Entscheidungsprozesse guter Politik finden öffentlich statt. Gute Politik legt Rechenschaft über jeden Cent, den sie ausgibt, ab.

Dies sind einige wenige Beispiele dafür, wie man auch für vermeintlich nicht messbare Phänomene überprüfbare Qualitätskriterien festlegen kann. Sicher bleibt immer noch zu diskutieren, ob die richtigen Kriterien gewählt wurden. Aber wichtig ist, dass man zu jedem Zeitpunkt nach dem Wert solcher Kriterien fragen und eine Zahl oder einen Wahrheitswert als Antwort erhalten kann. So wird eine hohe Objektivität erreicht.

Auch beim Computerspielepreis sind weitere operationalisierbare Qualitätskriterien denkbar:

So oder so ähnlich wären die schon vorhandenen, lobenswert nerdigen Aspekte des Deutschen Computerspielepreises noch ausbaufähig. Der Preis könnte zu einem kleinen aber leuchtenden Beispiel dafür werden, dass alle Menschen wie Nerds denken und es immer genau wissen wollen sollten.

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