Neues Bildungssystem für Deutschland
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Neues Bildungssystem für Deutschland

02.11.2020:

Heute schlagen wir nichts Geringes als eine komplette Reform des deutschen Bildungssystems vor. Komplett? Nein, nicht wirklich komplett. Eigentlich nicht einmal teilweise komplett. Wir schlagen nämlich keine Änderung der Inhalte vor, sondern nur der Struktur - aber hier wirklich eine komplette Änderung.

Ziel der Reform, die im Begriff ist vorgeschlagen zu werden, ist eine unbeschränkte Zugänglichkeit und Durchlässigkeit des Bildungssystems. Damit verbunden ist auch - fast zwangsläufig - eine erhebliche Individualisierung.

Wir Deutschen verstehen uns schon lange als Wissensgesellschaft, als Bildungsnation, als das sprichwörtliche Dichter- und Denkerland - und das mit gutem Grund. Unter deutschem Boden lagern keine reichhaltigen Ressourcen, durch deren Verkauf wir zu einem reichen Rentierstaat (Rentier wie "Rente", nicht wie das Tier, das in Lappland Schlitten zieht) hätten werden können. Wir waren also zum Erfolg verdammt und mussten Bildung gepaart mit einem gerüttelt Maß an Fleiß zu unserem Wirtschaftskapital machen.

Beim Einsatz dieses Erfolgs, dieses Kapitals bekommen wir nun heftige Konkurrenz. China hat in Sachen Wohlstand und Wissen eine unglaubliche Entwicklung absolviert. Arabische Staaten, denen langsam aber sicher das Öl ausgeht, bringen sich als Grüne Ökonomien und Paradiese für Ideen in Stellung. Und wir in Deutschland leben noch in der Illusion, wir könnten ohne Anstrengung Klassenbeste bleiben - ohne Anstrengung und vor allem ohne neue Methoden und Gewohnheiten. Noch scheinen wir nicht begriffen zu haben, dass die Bedingungen auf dieser Welt sich geändert haben. Nicht nur bringen sich, wie erwähnt, neue Nationen als die digitalen Dichter und Denker des 21. Jahrhunderts ins Spiel. Es hat sich auch das Wissen drastisch verändert. Naturwissenschaften wie Chemie und Physik haben in Theorie und Anwendung enorme Fortschritte gemacht. Informatik ist zu einer Querschnittswissenschaft geworden, und sie in gewissem Umfang zu verstehen ist für fast alle Menschen in vielen Situationen zu einem Erfolgsfaktor geworden. Wirtschaft, Politik, Soziales und Kultur haben sich geändert. Und wir Deutschen haben an Anpassungsmaßnahmen bisher kaum mehr als die Abschaffung der Hauptschulen hinbekommen.

Aber was soll dieses Gerede von Anpassung? Sollte der moderne Mensch nicht kompromisslos für seine Überzeugung einstehen? Sagte nicht der konservative Staatsphilosoph Recep T. Erdogan "Integrasion evet, assimilasion hayir!" - also sinngemäß zu deutsch "Ja zur Integration, nein zur Anpassung!"? Geben nicht Zigarettenhersteller und andere vertrauenswürdige Berater uns Weisheiten wie "Mach dein Ding!" mit auf den Weg?

Nerdhallas Antwort auf solche verkürzten, auf Wunschdenken basierenden oder für politische Propaganda und Werbekampagnen missbrauchten Ansichten ist ein ganz klares "Nein". Ein paar einfache Beispiele genügen hoffentlich, um zu verdeutlichen, dass Anpassungsfähigkeit für uns Menschen wichtig ist und bleiben wird.

Man stelle sich nur einen Jäger vor, der alle Hirsche, Büffel und sonstiges großes Getier in seinen Jagdgründen mit der Flinte oder auch mit Pfeil und Bogen erlegt hat. Wenn nur noch Kaninchen bleiben, dann wird er vom Geschoss auf andere Jagdtechniken wie Fallen oder gleich auf den Ackerbau umstellen müssen. Ansonsten droht Hunger. Oder man denke an eine Berufstätige, die seit Jahren den Bus um 07:45 Uhr nimmt und nicht daran denkt, ihre Gewohnheit zu ändern, nur weil die Verkehrsbetriebe die Abfahrtzeit auf 07:39 Uhr vorverlegen. Unsere Pendlerin wird schnell merken, was sie von ihrem Unwillen, sich anzupassen, hat.

Auch der Stärkste und Schlauste kann die Welt um sich herum kaum kontrollieren. Veränderungen geschehen, mit und ohne menschliches Zutun. Und wenn sie mit menschlichem Zutun geschehen, dann wirken so viele Menschen direkt, indirekt, bewusst und unbewusst mit, dass das Ergebnis kaum vorhersehbar ist. Dieses Charakteristikum der Realität macht Anpassungsfähigkeit zu einem der wichtigsten zeitlosen Erfolgsfaktoren überhaupt.

Wie soll also nun die Reform des deutschen Bildungssystems aussehen, die wir so dringend benötigen, um uns erfolgreich an die heutige Welt anzupassen. Eine Veränderung sollte im Abbau möglichst vieler Zugangsbeschränkungen bestehen. Eine "Hochschulzugangsberechtigung" - meist ein Abitur-Zeugnis - ist altmodischer Unfug. Wir sollten uns über jede Stunde freuen, die die Bürger Deutschlands mit Lernen verbringen - und zum Lernen sind nun mal die allgemeinbildenden Schulen, die Berufsschulen und die Hochschulen da. Natürlich ist der Raum an den verschiedenen Bildungseinrichtungen beschränkt. Deshalb mag es sinnvoll sein, die Teilnahme an Präsenzveranstaltungen an gewisse Vorbedingungen zu knüpfen. Wer noch nicht weiß, was ein Bunsenbrenner ist, sollte keinen Platz in einem Chemie-Laborpraktikum an der Universität belegen - sondern vorübergehend noch einmal die achte Klasse im Gymnasium besuchen. Aber Vorlesungen können heutzutage problemlos per Video übertragen werden. Auch schriftliche Prüfungen können per Webbrowser absolviert werden. Was spricht also dagegen, dass eine Aldi-Kassiererin ohne Abitur sich eine Mathematik-Vorlesung ansieht und online an der Klausur teilnimmt, wenn sie es möchte? Beschränkungen der maximal möglichen Versuche, eine Prüfung zu bestehen oder zur Notenverbesserung erneut zu absolvieren, sind vor diesem Hintergrund genau so anachronistisch. Geschickt digitalisiert sind die Kosten einer gewöhnlichen Klausur lächerlich gering.

Wenn ein Studium oder eine Fachhochschul-Ausbildung weiter fortschreitet und sich sehr anspruchsvollen Themen widmet, kann es auch in Deutschlands neuem Bildungssystem sinnvoll sein, bestimmte Vorleistungen wie bestandene Einführungsklausuren zur Teilnahmevoraussetzung zu machen. Auch ohne eine maximale Versuchszahl würde so sichergestellt, dass Leute im fortgeschrittenen Studium das notwendige Wissen haben und vor allem die nötige Ernsthaftigkeit und Motivation an den Tag legen. Nachweise der Eignung für fortgeschrittene, spezialisierte Kurse wie "Mathematische Optimierungsmodelle" oder "Zelluläre und molekulare Tumorbiologie" sollten aber auch individuell erbracht werden können, denn kein rein standardisiertes System kann allen Einzelfällen gerecht werden - und das Risiko, hochmotivierte, geniale Quereinsteiger auszuschließen, sollte im Interesse des Menschen und des Faches minimiert werden.

Ein weiterer Aspekt, der an Haupt und Gliedern verändert werden sollte, ist der Bildungsabschluss. Die Idee, dass man seine Bildung abgeschlossen und den "Abschluss in der Tasche hat", ist eine sehr oberflächliche, technokratische und geradezu lebensmüde Sicht auf Bildung. In Anlehnung an Erich Fromms psychologischen Klassiker "Haben oder Sein" ist der Bildungsabschluss, den man sich aneignet, ein totes Stück Besitz, eine Trophäe ohne Verbindung zum eigenen bewussten Mensch-Sein. Bewusstsein entsteht gerade - laut den uralten indischen Veden, laut Terry Pratchett und laut der modernen Physik - aus Rückkopplungsschleifen: Information wird durch ein System wie z.B. das menschliche Gehirn aufgenommen. Durch die Aufnahme verändert sich der Zustand des Systems, der sich beispielsweise in Gedanken äußert. Diese Gedanken enthalten und erzeugen weitere Informationen, die wieder aufgenommen werden, den Zustand erneut verändern und so weiter. Und so kann ein Mensch eher unbewusst oder sehr bewusst leben, abhängig davon, wie sehr er Bildung als eine Trophäenjagd oder eine persönliche Entwicklung auffasst und umsetzt.

Aber auch unter einem viel einfacheren Gesichtspunkt ist der Bildungs-"Abschluss" veraltet: Es besteht heute großer Konsens, dass das lebenslange Lernen normal und gerade für beruflichen Erfolg obligatorisch ist. Wie kann Bildung dann "abgeschlossen" sein? Natürlich kann man eine bestimmte Bildungsphase abschließen: Eine junge Frau kann ihre Ausbildung als Elektrikerin abschließen. Ein Student der Islamwissenschaft kann seinen Bachelor-Studiengang abschließen.

In vielen Arbeitsbereichen wie Verwaltung, Management, Pädagogik, Didaktik oder Therapie ist der Zusammenhang zwischen Bildungsabschluss und Güte des Arbeitsergebnisses aber keineswegs nachgewiesen. In manchen anderen Arbeitsfeldern dagegen ist es unzweifelhaft sehr wichtig, einen bestimmten etablierten Stand der Wissenschaft nachweislich zu kennen: Wer chirurgische Eingriffe vornehmen will, sollte die menschliche Anatomie in- und auswendig kennen und von einer Anästhesistin begleitet werden, die die Chemie des menschlichen Körpers in- und auswendig kennt. Wer Hochhäuser und Brücken bauen will, sollte die physikalischen Gesetze der Statik intensivst studiert haben.

Ob mit oder ohne nachgewiesene Wirkung: Bildungsabschlüsse müssen in Deutschlands neuem, zukunftstauglichen Bildungssystem viel stärker in ein offenes und allumfassendes Bildungsangebot integriert werden, wo sie nicht mehr als Abschlüsse sondern viel mehr als erreichte Etappen auf bestimmten Bildungswegen verstanden werden. Damit dieses Bildungssystem Deutschland zum Nerdland und zur Wissensnation des 21. Jahrhunderts macht, muss es viel Flexibilität und viele Angebote individueller Förderung beinhalten. Deshalb wird es - für sich betrachtet - teuerer werden als unser bisheriges starres Schul- und Ausbildungswesen. Aber die zusätzlichen Kosten werden sich vielfach rentieren: Mehr Bildung zieht gesünderes Leben nach sich und reduziert so die Kosten im Gesundheitswesen. Mehr Bildung reduziert Kriminalität, was wiederum die Kosten in der Justiz und im Justizvollzug reduziert. Mehr Bildung erhöht die Chancen auf dem Arbeitsmarkt, und senkt so Sozialstaatsausgaben. Und mehr Bildung erhöht natürlich die Produktivität der gesamten Volkswirtschaft und die Wahrscheinlichkeit von Erfindungen und Entdeckungen.

Machen wir also aus ganz Deutschland eine riesige nerdige Schule - mit guter Kantine, Hausaufgabenbetreuung und allen Schikanen.

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