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Digitaler Goldrausch in Deutschland

Daten sind angeblich das Gold des 21. Jahrhunderts. Das stimmt jedenfalls insofern, als Deutschland sich in seiner Gier nach Daten in einen digitalen Goldrausch gestürzt hat.

28.03.2021

Digitalisierung ist seit ein paar Jahren in aller Munde. Die deutsche Bundesregierung hat sich genau wie viele Unternehmen eine Digitalstrategie gegeben. Selbst die Caritas, die als Wohlfahrtsverband der Katholischen Kirche vielleicht so konservativ wie kaum eine andere Organisation in Deutschland ist, mischt mit und ist sogar mit eigener Opensource-Software auf Github vertreten (Landstorfer 2020). Daten werden gerne als das Gold des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Schon 2014 wurde dieser Vergleich von dem Marktforscher Matthias Hartmann in einem Interview mit Der Welt (Dierig 2014) gezogen.

Absichtlich oder unabsichtlich weisen Herr Hartmann und Alle, die Daten seitdem als das Gold des 21. Jahrhunderts bezeichnen, auf die Gefahren dieser Sichtweise hin: Goldfunde ziehen gerne einen Goldrausch nach sich, wie Yukon, Dakota, Kalifornien und viele andere Regionen des amerikanischen Nordwestens es im 19. Jahrhundert erlebt haben. Manche der Goldsucher wurden reich, aber die Goldrausche waren begleitet von Umweltzerstörung, Gesetzeslosigkeit und weiterer Verdrängung der amerikanischen Ureinwohner.

Von den massenhaften, von Goldgier getriebenen Verbrechen, die die spanischen Conquistadoren im 15. und 16. Jahrhundert in Südamerika begingen, ganz zu schweigen.

Allgemein ist jeder Rausch ein Zustand, in dem Menschen noch weniger rational handeln als sonst - Risiken werden falsch bewertet, Warnsignal übersehen, Konsequenzen ausgeblendet.

Haben wir es aber wirklich mit einem digitalen Goldrausch zu tun? Dafür gibt es mehrere Hinweise. Erstens wird im Zusammenhang mit digitalen Währungen wie Bitcoin der selbe Begriff wie im Zusammenhang mit Gold verwendet: "Schürfen". Zweitens ziehen die ehrlichen Nutzher der Digitalisierung das kriminelle Geschäft mit Ransomware, Crypto-Trojanern und windigen Beratern nach sich, genau wie die ehrlichen Goldsucher von Falschspielern, Straßenräubern und Scharlatanen gefolgt waren.

Drittens - und dies ist der Hauptpunkt - werden Risiken falsch eingeschätzt und Konsequenzen ausgeblendet. Politikerinnen und Wirtschaftsvertreter übertreffen sich mit Forderungen wie Informatik zum Schulfach zu machen oder jedem Kind auf irgendeinem andere Weg Programmieren beizubringen. Seriöse Prognosen, wie viele Programmiererinnen wann genau und warum eigentlich wirklich gebraucht werden, sind nicht zu hören. Und sie wären sowieso nur nützlich, wenn sie mit anderen Prognosen verknüpft würden: Wie wiele Ärztinnen, Pflegekräfte, Lehrerinnen, Erzieher, Maurer, Zimmerleute, Klempner, Elektrikerinnen, Polizistinnen und Landwirte brauchen wir wann? Und was hat Priorität, falls wir nicht alle Bedarfe decken können? Schließlich werden unserer Grundbedürfnisse nach Nahrung, Kleidung, einem Dach über dem Kopf und gerne auch medizinischer Versorgung sich auch in einer noch so digitalisierten Welt nicht ändern. Es gilt weiterhin der Sinnspruch, der in der Öko-Bewegung der 1980er Jahre populär wurde: "Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann." (Amerikanische Prophezeihung) Wir können ihn für die 2020er Jahre leicht abwandeln: "Erst wenn der letzte traditionelle Beruf aufgegeben wurde, werdet ihr merken, dass man Computercode nicht essen kann." (Nerdhalla Prophezeihung)

Soweit wird es vermutlich nie kommen. Auch ohne Rückgriff auf dystopische Szenarien, in denen zwar Alle Programmieren können, aber niemand mehr weiß, wie man ein einfaches Haus baut oder ein Brot backt, spricht einiges dafür, dass (nicht nur) Deutschland einem irrationalen Digitalisierungsrausch erlegen ist. Vermutlich werden sich manche Themen in einigen Jahren als Sackgasse herausstellen - oder zumindest als massiv überbewertet. Maschinelles Lernen, Kryptowährungen, Quantencomputer und Pflegeroboter sind einige Kandidaten für die Auffrischung der Erkenntnis, das Weniges so heiß gegessen wie gekocht wird.

Bis wir über solche Zukunftsthemen mehr wissen, gibt es nur eins, was wir vernünftigerweise tun können: Risikomanagement. Als Deutschland dürfen wir nicht alles auf die eine Karte "Digitalisierung" setzen - egal wie verlockend sie uns im digitalen Goldrausch erscheint. Unsere Investitionen in innovative Forschungsfelder mit offenem Ausgang müssen wir ausgleichen durch Investitionen in Bereiche, die wir mit Sicherheit auch in 100 Jahren noch brauchen werden: Landwirtschaft, Medizin, Pflege, Schule, Handwerk. Und die Grundlage für überhaupt Alles, was eine erfolgreiche Gesellschaft ausmacht, ist das Mantra von Nerdhalla und Stefan Kramer: "Bildung... Bildung, Bildung, Bildung, Bildung". Investitionen in Bildung zahlen sich in jedem Fall aus.

Quellen:


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