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Nerdige Sommernächte

Nerdige Sommernächte sind die besten Sommernächte

20.06.2021

Während die Corona-Inzidenz sinkt und die Temperaturen steigen, nutzen viele Deutsche die warmen, hellen Nächte des Juni 2021 zum Grillen, Tanzen und Musikhören - am Strand oder am See, im Garten oder auf dem Balkon, im Stadtpark oder auf der Waldlichtung. Solche Sommernächte sind für Viele Teil des Standard-Freizeitprogramms. Mitunter sind sie auch Gegenstand erotischer Fantasien. Gelegentlich werden sie vielleicht sogar wahr - die Träume vom nächtlichen Nacktbaden in der Lübecker Bucht oder der Müritz und vom Liebespiel im Mondenschein beim Zirpen der Grillen.

Bratwurst, Bier und Baltz sind aber nicht der einzige Weg, um eine schöne Sommernacht zu verbringen. Aus Nerdsicht sind sie sogar ein mangelhaftes Rezept, da Bratwurst und Bier wirklich nicht aufregend sind und der Kater am nächsten Morgen wahrscheinlicher ist als ein amouröses Abenteuer.

Die nerdige Art, warme Sommernächte zu verbringen - abgesehen von Schlaf, natürlich - ist die Art, auf die Nerds sowieso am liebsten Zeit verbringen: forschende und kreative Tätigkeit, die man in Sommernächten eben bei offenem Fenster erledigt. Gerade in extremen Fällen, wenn ein gutes Buch, eine Forschungsarbeit oder ein Bastelprojekt eine Nerd stundenlang fesselt, erinnert mitunter erst die gegen drei Uhr morgens einsetzende Dämmerung an die im Flow verstrichene Zeit.

Natürlich kann die Bedeutung einer guten Mütze voll Schlaf für ein funktionierendes Gehirn gar nicht überbewertet werden. Aber gelegentlich ist so eine durchwachte Nacht ein überzeugendes Commitment gegenüber der eigenen nerdigen Mission und gibt das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein.

Eine Sommernacht des Lesens, Schreibens, Codens oder Bastelns muss genau so wenig allein verbracht werden wie ein Grillabend im Grünen. Und wenn man auch während der Arbeit einen klaren Kopf braucht, kann eine Nerdnacht trotzdem mit einem Bier oder einem Glas Wein ausklingen - und sogar ein erotisches Abenteuer muss nicht ausgeschlossen sein. Die Politikwissenschaftlerin Anne Norton berichtet von ihrer Studienzeit an der Universität von Chicago, dass sie und ihre Kommilitonen vom Forscherdrang besessen Tage und Nächte in der Universitätsbibliothek verbracht hätten - einschließlich Sex im geschlossenen Magazin. (Norton, Seite 27)

Die Mathematikerin Hannah Fry schwelgt in deutlich kindlicheren aber nicht weniger nerdigen Erinnerungen: Ihr Vater habe einst - es muss etwa 1990 gewesen sein - einen damals schon veralten 8-Bit-Computer, einen ZX Spektrum, mit nach Hause gebracht. Sie und ihre Schwester hätten dann den folgenden Sommer damit zugebracht, auf dem Dachboden zu sitzen und Programmieren zu lernen. (Fry, Seite xi)

Nerdnächte sind Nächte des intellektuellen Spaßes - allein oder zu mehreren. Gerade in den hellen, warmen, duftenden und von Tierlauten erfüllten Sommernächten lässt sich Inspiration ziehen aus der Mischung aus Dunkelheit und Ruhe auf der einen und Licht und Leben auf der anderen Seite. Das sind ideale Voraussetzungen für neue Idee, garantiert ohne Frust und Kater.

So ist es auch kein Zufall, dass das Computerspiel "Thimbleweed Park" in einer Sommernacht spielt. Die Spieler werden auf einen Nostalgietrip ins Jahr 1987 geschickt und erleben, wie eine junge Programmiererin mit ihrem Commodore 64 verschlüsselte Botschaften knackt und eine Comic-Convention besucht, während der Geist ihres Vaters in dem selben Messehotel herumspukt. Mit solchen fantastischen und wissenschaftlichen Motiven zeigt "Thimbleweed Park" das ganze Spektrum des Nerdtums auf, für das die Sommernacht ein treffendes Symbol ist.

Nerdige Beschäftigungen sind oft anstrengender als herkömmliche Parties "down by the river on a Friday night", wie Country-Sänger Alan Jackson sie in seinem Song "Chattahoochee" beschreibt: "Talking about cars and dreaming about women, never had a plan, just living for the minute." Aber eigentlich muss nur das "cars" durch maths, science, literature, politics oder philosophy ersetzt werden, und schon hat man eine Nerd-Party. Aus neugierigen konstruktiven Gesprächen, die sich nicht auf Smalltalk und Angeberei beschränken, resultiert früher oder später etwas Bedeutsames, das dem Leben bessere Erinnerungen beschert, als nur Bier, Bikinis und ein paar Witze. Was nicht heißt, dass Bier in geringen Mengen, Bikinis und Witze etwas Schlechtes wären.

Die nerdige Form der Sommernacht ist aber mit Abstand die beste. Der breiten, noch nicht nerdigen Bevölkerung ist sie dringend zur Nachahmung empfohlen.


Quellen:



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