Besuche der verschiedenen Burgen in deutschen Landen und Blicke von ihren höchsten Türmen beflügeln nerdige Gedanken.
08.10.2022
Deutschland war bis ins 19. Jahrhundert kein zusammenhängendes Staatsgebilde, sondern ein uneinheitlicher und uneiniger Verbund von Fürstentümern. Jahrhundertelang hatten kleine Staaten auf dem Boden des heutigen Deutschland um Land und Einfluss gerungen. Die vielen Herren und - gerade im Hintergrund - auch einige Damen solcher Ländereien wie Holstein, Mecklenburg, Brandenburg, Hessen-Kassel, Westphalen sowie verschiedener Marken und Pfalzen erbauten Prunkschlösser und Trutzburgen, um ihren Machtanspruch zu symbolisieren und gegen nicht weniger anspruchsvolle Nachbarn zu verteidigen. Es war allgemein keine sehr schöne Zeit. Das Ringen der Herren Stoiber und Müntefering um eine Förderalismusreform im Jahr 2004 war Ringelpiez mit Anfassen dagegen.
Nach hunderten von Jahren hat die Zeit der streitenden, Bauern unterjochenden Fürsten und Raubritter aber eine gute Spätwirkung: Auf unzähligen Bergen und Hügeln in Deutschland sitzen malerische Schlösser und Burgen oder Ruinen eben solcher. Sehr viele dieser ehemals exklusiven Residenzen sind heute der Allgemeinheit gegen ein kleines Entgelt zugänglich. Dort kann man nicht nur Dinge über das Leben in früheren Zeiten lernen, sondern oft auch herrliche Ausblicke über die Landschaft genießen.
Seien es die Ruine von Burg Königstein im Taunus, die einst Martin Luther beherbergende Wartburg bei Eisenach, die über Nürnberg thronende Kaiserburg, das romantische Schloss Rheinstein an den westlichen Ausläufern des Rheingau oder das legendäre Märchenschloss Neuschwanstein - oder eine ihrer unzähligen Verwandten: Fast alle dieser alten Bauwerke bieten einen wunderbaren Blick über Städte, Dörfer, Kultur- oder Naturlandschaften.
Warum sollte das Nerds interessieren? Warum sollten wir unsere Werkstätten, Ateliers, Labors, Schreibtische und Leseecken verlassen und auf alte Türme klettern?
Geschichtliche und geographische Bildung, Bewegung und frische Luft sind an sich schon recht gute Argumente; aber der Hauptgrund ist die Perspektive im wörtlichen und übertragenen Sinn. Oft sind die Türme dieser alten Burgen der einzige Ort, von dem aus man ohne zu fliegen einen Blick über ein ganzes Tal mit mehreren kleinen Ortschaften hat. Der Blick auf Häuser, Kirchen, Bauernhöfe, Straßen und Schienen und das sich dort abspielende Leben lässt erahnen, wie der Herr Ritter damals auf seiner Burg gesessen, die Untertanen überwacht und den Horizont nach Feinden abgesucht hat.
Der Blick von einem hohen Burgfried inspiriert aber auch einen anderen Gedanken: Warum können nicht alle diese kleinen Menschen im Tal friedlich und freundlich zusammenarbeiten und so noch viel mehr erreichen als bisher? Warum kommen nicht die Automechaniker, Ärztinnen, Versicherungsvertreter, Supermarktverkäufer, Bäckerinnen, Tankwarte, Landwirte, Kindergärtnerinnen und all die anderen lokalen Akteure wöchentlich abends auf der Burg zusammen, um Terry Pratchett zu lesen und die Sterne zu beobachten? Eine solche Burg wäre der perfekte Ort, um aus spießigen deutschen Käffern fortschrittliche deutsche Nerd-Dorados zu machen.
Was hält uns davon ab, wie echte Bürgerinnen des 21. Jahrhunderts jeden Tag - unbehindert von nutzlosen selbstbezüglichen Hierachien und unbeeinflusst von pseudowissenchaftlichen Wirtschaftstheorien - zusammen zu arbeiten und zu forschen? Diese Frage drängt sich auf, wenn man von Jahrhunderte alten Mauern aus eine Jahrtausende alte Landschaft, in der sich immer noch menschliches Leben tummelt, überblickt. Leider kommt auch auf den höchsten Zinnen nicht automatisch die Antwort geflogen, mit der alle unnötigen menschlichen Konflikte und Ressourcenverschwendungen einfach abgestellt werden können. Aber der Blickwinkel motiviert immer wieder, nicht nachzulassen im Streben um eine bessere Welt, eine nerdigere Welt, in der Leistung Spaß macht, so dass jeder sein Bestes einbringen darf, kann und will.
Wegen dieser motivierenden Wirkung sei es Allen dringend empfohlen, des Öfteren auf alte deutsche Burgen zu steigen und dort Kraft und Inspiration zu tanken für die Arbeit am neuen, besseren Deutschland, der Bundesrepublik Nerdland.