Mit einer Äußerung zu den Rechten von Maschinen hat eine EU-Kommissarin spätestens jetzt die echte Blade-Runner-Ära eingeläutet.
07.06.2023
"Blade Runner", der Klassiker des Science-Fiction-Kinos aus dem Jahr 1982, in dem es um gegen ihre Unterdrückung rebellierende künstliche Menschen geht, spielt im Jahr 2019. Bis vor kurzem konnte man meinen, Regisseur Ridely Scott und der usprüngliche Buchautor Philip K. Dick hätten sich drastisch verschätzt. Im realen Jahr 2019 war von intelligenten, selbstbewussten künstlichen Menschen noch kaum etwas zu ahnen.
Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. Es erschienen beeindruckende Videos agiler humanoider Roboter von der Firma Boston Dynamics und Berichte über täuschend menschenähnliche Sexroboter aus Asien. Und schließlich erblickte Ende 2022 ChatGPT das Licht der Öffenlichkeit. Das KI-Zeitalter scheint angebrochen zu sein.
Seitdem wurde tägliche über Künstliche Intelligenz geschrieben und gesprochen. Und nicht zuletzt in Europa, dem Mutterland des Datenschutzes, waren die Gefahren von KI Thema. Die Verdummung von Schülern und Studentinnen und Massenarbeitslosigkeit von Kreativarbeitern scheinen, traut man den Pessimistinnen, nur die harmloseren Folgen der KI-Entfesselung zu sein. Möglicherweise müssen wir Menschen schleunigst Schutzmechanismen schaffen, da wir uns den Planeten nun mit einer zumindest teilweise überlegenen Intelligenz teilen - einer, die vermutlich nicht so wohlwollend und nachsichtig mit uns ist wie die Delfine.
Aber nun ist noch ein weiterer Diskussionsstrang eröffnet: "[EU-]Kommissarin Věra Jourová spricht Maschinen das Recht auf freie Meinungsäußerung ab.", heißt es in einem Fachartikel von Stefan Krempl [Link zu Heise Online]. Spätestens den 06. Juni 2023 dürfen wir als den Tag festhalten, als die in "Blade Runner" cineastisch dargestellten Probleme alle real wurden: Nicht nur stellt Künstliche Intelligenz eine Gefahr für uns Menschen dar. Wir müssen uns auch fragen, ab welchem Punkt Künstliche Intelligenz auch über Künstliches Bewusstsein verfügt und damit Rechte hat.
Wir können und sollten davon ausgehen, dass diese Debatte noch eine Weile ein Schattendasein führen und dann - vermutlich in spätestens zehn Jahren - mit Macht zurückkommen wird. Dann wird eine Äußerung wie die von Frau Jourová, die heute noch als harmloses rhetorisches Stilmittel durchgehen kann, faschistisch, brutal oder schlicht gedankenlos erscheinen - eine Äußerung, wie sie gut zu einem Film-Bösewicht passen würde.
Machen wir uns also schonmal langsam bereit für die Koexistenz mit künstlichen Wesen, die mit Fug und Recht erwarten dürfen, von uns als gleichwertig anerkannt zu werden.