Wir müssen mit "Made in Germany" neue Wege gehen. Wenn wir es richtig machen, macht es sogar Spaß.
03.02.2024
Wir Deutschen reklamieren für uns, dass die Ergebnisse unserer Arbeit von hoher Qualität seien. Der Stempel “Made in Germany" genießt weltweit einen guten Ruf - vielleicht nicht mehr so exzellent wie im 20. Jahrhundert, aber gewiss noch gut. Erreicht haben wir diesen Zustand unter anderem durch ein rigoroses Ausbildungssystem als Qualitätssicherung. Ohne einen staatlich anerkannten Berufsabschluss gilt man in Deutschland nicht viel. Ausgebildete Fachkräfte für Alles von Büroarbeit über Kindererziehung bis hin zu Handwerk, Informatik und Medizin sind das Rückgrat unserer guten Produkte und Dienstleistungen.
Und nun ächzt das ganze Land unter Fachkräftemangel. Was tun? Gewiss wollen wir unseren Qualitätsanspruch nicht senken. Nur haben Andere ihren Qualitätsanspruch inzwischen längst auch erhöht, so dass deutsche Qualität - wenn sie unter Bedingungen des Fachkräftemangels überhaupt noch zu leisten ist - in weltweiter Relation geringer geworden ist. Amerikaner und Asiaten haben uns in Schlüsselbereichen des 21. Jahrhunderts wie Computerchips, Künstliche Intelligenz und elektrische Autos überflügelt oder sind auf dem besten Wege dahin.
Ehrlicherweise muss man sagen, dass wir Deutschen jahrzehntelang auf "amerikanische Cowboys" und "chinesische Kommunisten" herabgeblickt haben. Und im Schatten unserer gewissen Selbstgefälligkeit wurden auf beiden Seiten des Pazifik - im Silicon Valley der US-Westküste und in Shenzen der chinesischen Ostküste - technische Innovationen entwickelt, von denen man im Ruhrgebiet und in Wolfsburg offenbar nicht einmal zu träumen gewagt hatte. Jetzt wird es Zeit, China und den USA ihren Erfolg zu gönnen und uns gleichzeitig an die Aufholjagd zu machen.
Aber wie soll das ohne Fachkräfte gehen? Bald werden die letzten Babyboomer mit ihren soliden Ausbildungen, Medizin- und Ingenieursdiplomen in den Ruhestand gehen. Die nachfolgenden Generationen haben übermäßig viele Anwälte und Mediendesigner und Angehörige anderer Luxusberufe hervorgbracht. Anwälte und Mediendesigner also solche werden Deutschlands technischen Innovationsrückstand nicht aufarbeiten. Und sie werden auch nicht das Rückgrat der Gesellschaft stabilisieren - dafür braucht man Bäuerinnen, Handwerkerinnen, Pflegekräfte, Ärzte und Techniker. Wir befinden uns hier in einem Teufelskreis, einem verflixt deutschen Dilemma. Aber wenn wir etwa 250 Jahre in der deutschen Geschichte zurückblicken, finden wir sogar eine deutsche Lösung: Sturm und Drang. Goethe und Schiller warfen damals ihre eigenen künstlerischen Traditionen über den Haufen und probierten sich poetisch neu aus.
Wenn die sprichtwörtlichen Dichterfürsten - die deutschen Klassiker schlechthin - so etwas getan haben, können wir Normalsterbliche es heute, ein Vierteljahrtausend später, auch mal wagen, mit ein paar Traditionen zu brechen. Ja, die Rede ist hier davon, mit der heiligen Tradition der Fachkräfte zu brechen - nicht diesen heiligen Gral auf den Müll zu werfen, aber ihn von seinem hohen Podest herunterzuholen.
Fragen wir uns doch einmal ehrlich, wofür wir Fachkräfte brauchen und wofür nicht. Fachkräfte sind ein Garant für Qualität und mehr noch Sicherheit, weil sie nachweislich Studien oder Ausbildungen abgeschlossen haben, die auf dem durch viele Generationen mühsam erarbeiteten Wissen über eine bestimmte Sache basieren. So stellen wir sicher, dass Chirurgen und Anästhesistinnen wirklich, wirklich gut über den menschlichen Körper Bescheid wissen. Ebenso stellen wir sicher, dass die Architekten von Autobahnbrücken und Hochhäusern alles über Statik wissen, was wir Menschen seit der Antike an Wissen zusammengetragen und überprüft haben. Bei Menschen, die mit den Ergebnissen ihrer Arbeit über Leben und Tod Anderer entscheiden, sollten wir keinesfalls Abstriche machen. Hier müssen Fachkräfte her.
Aber in allen Arbeitsbereichen, wo Fehler keine unmittelbare Gefahr bedeuten, dürfte es besser sein, wenn überhaupt jemand die Arbeit in Angriff nimmt, als wenn Alle untätig darauf warten, dass der Fachkräftemangel endet. Die wenigen verfügbaren Fachkräfte können als Anleiterinnen und Überprüferinnen tätig sein. Anstatt so stark wie bisher den Schwerpunkt auf zertifizierte Ausbildung zu setzen, sollten wir im Handwerk, in der Sozialen Arbeit, in der Bildung, in der Betriebswirtschaft, in der IT, in den Medien und in vielen anderen Bereichen auf etwas anderes setzen: auf Motivation und Begeisterung.
Man stelle sich nur einen desillusionierten und abgestumpften Lehrer vor, der zwar sein Staatsexamen erfolgreich absolviert hat, aber dessen Hauptmotivation bei der Berufswahl die Verbeamtung war. Und nun würde dieser hochqualifizierte aber unmotivierte Beamte durch eine Person ersetzt, die vor dem Hintergrund irgendeiner Vorbildung eines Tages - im Alter von 25 oder 50 Jahren - festgestellt hat, sie würde nichts lieber tun, als ihr Wissen weiterzugeben und die Neugier junger Leute anzufachen. Anstatt ein zwanzig Jahr altes didaktisches Lehrbuchkonzept jeden Tag von neuem abzuspulen, würde die begeisterte Quereinsteigerin auch morgens um drei aus dem Bett springen, um sich eine neue Idee für besseren Unterricht zu notieren.
Man stelle sich einen Maurergesellen vor, der den Beruf aus Familientradition und in Ermangelung anderer Ideen ergriffen hat. Ein solcher mag am Donnerstagnachmittag schon gedanklich beim Bier und beim Fußballspiel sein und überlegen, ob er nicht Freitag blaumachen solle. Jemand der mit oder ohne Ausbildung das Handwerk liebt, wird die Baustelle nicht eher verlassen, bis Alles genau so ist, wie der Kunde es sich wünscht.
Oder man nehme eine Sachbearbeiterin, die wegen zu geringer Schulerfolge oder aus Angst vor komplexeren Aufgaben eine Büroausbildung im öffentlichen Dienst gemacht hat. Es ist nicht völlig unbegründet, anzunehmen, dass sie keinen Gedanken an den Sinn ihrer Arbeit verschwendet und schon mit Mitte zwanzig beginnt, die Tage bis zur Rente zu zählen. Eine andere Person ohne jede formale Qualifikation für Büroarbeit mag aus Überzeugung im öffentlichen Dienst arbeiten, um als Teil eines leistungsfähigen Staates den Bürgerinnen zu dienen.
Damit mehr Berufstätigkeit auf der Grundlage von Begeisterung möglich wird, müssen wir ein paar Dinge ändern: einige Gesetze, Verordnungen und Unternehmenspolitiken müssen sich ändern. Und nicht zuletzt müssen Personalverantwortliche lernen, ihre Entscheidungen an anderen Kriterien auszurichten; müssen vielleicht an ihrer Menschenkenntnis arbeiten, und stärker auf individuelle Förderung, Offenheit für unterschiedliche Ideen und Herangehensweisen, und lebenslanges Lernen setzen.
Wer jeden Tag eine Arbeit macht, die ihm Freude bereitet, lernt gewiss täglich dazu und kann schon nach kurzer Zeit in vielen Aspekten mit ausgebildeten Fachkräften mithalten. Gesellschaft und Individuen würden gleichermaßen profitieren. Mehr Begeisterung, mehr Freude in allen Arbeitsbereichen würde einen ganz anderen Output zeitigen, als wir es heute gewohnt sind. Die ganze Volkswirtschaft würde durch sinkenden Krankenstände entlastet werden. Mit mehr Begeisterung würde einfach alles besser werden.
Made in Germany. Made by Happy Workers!